„Bürokratie wird von Paten gerne unterschätzt”

Die Initiative IntegrAI.de will Paten für die Jobsuche fit machen. Im Interview erklärt Mitinitiator Joscha Riemann, was die häufigsten Fehler bei der begleitenden Jobsuche für Flüchtlinge sind. 


Joscha Riemann / Foto: Privat
Joscha Riemann / Foto: Privat
08. November 2016
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Was ist IntergrAI.de – und wie kam es dazu?

Angefangen hat alles damit, dass einer meiner Professoren, der selbst Pate ist, versucht hat, Flüchtlinge in Arbeit zu vermitteln. Dabei musste er feststellen, dass die Jobvermittlung ein immenser Aufwand und Unterstützung kaum vorhanden ist. Also gründete er eine Initiative aus Hochschullehrern, Studierenden und Absolventen der wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der Universität Würzburg. Diese Initiative entwickelt nachhaltige wirksame Konzepte und wir kümmern uns um deren Umsetzung, um einen maßgeblichen Beitrag zur gesellschaftlichen Integration von Flüchtlingen zu leisten. Durch effiziente Strukturen, professionelles Handeln und ein finanziell tragfähiges Modell wollen wir eine erfolgreiche Organisation ins Leben rufen, die langfristig im Bereich der Flüchtlingsintegration wirkt.

Ist es nicht eigentlich die Aufgabe der Behörden, Flüchtlinge in Arbeit zu vermitteln?

Nach der anfänglichen Startschwierigkeiten, haben die zuständigen Behörden sowie Arbeitgeberverbände und Handwerkskammern inzwischen gute Strukturen geschaffen. Woran es jedoch immer fehlt, ist die persönliche Betreuung – das können hauptamtliche Strukturen kaum in voller Gänze leisten. Hier ist man auf Ehrenamtliche angewiesen – und auf die persönlichen Beziehungen, die diese zu Geflüchteten aufbauen. Ohne ein Vertrauensverhältnis – das zeigt die Praxis – ist es oft nicht möglich, bei der Jobsuche zu helfen.

Was ist aus Deiner Erfahrung, der häufigste Fehler, den Paten machen bei der Jobvermittlung?

Den einen häufigsten Fehler gibt es nicht. Das große Problem ist die Komplexität des ganzen Prozesses der Jobvermittlung. Das deutsche Arbeitsrecht, der hohe bürokratische Aufwand beim Beantragen vorn Erlaubnissen, Bescheinigungen und Zertifikaten wird von Patinnen und Paten leider immer wieder unterschätzt. Ein weiteres großes Problem: Sowohl Flüchtlingen als auch Arbeitgebern werden von überforderten Ehrenamtlichen falsche Versprechungen gemacht – das führt auf beiden Seiten schnell zu Frustration.

Und an dieser Stelle setzt intergrAI.de an?

Genau. Auf der einen Seite wollen wir ehrenamtliche Paten zu sogenannten Job-Coaches ausbilden und sie fit machen für die Jobvermittlung, auf der anderen Seite stellen wir den Job-Coaches und Paten Werkzeuge wie den Job Tree und Informationen und Checklisten zu verschiedenen Themen wie das deutschen Bildungssystem und Behörden zur Verfügung. Geplant sind auch elektronische Ausfüllhilfen für Dokumente und der Ausbau interkultureller Kompetenzen.

Hauptziel eurer Initiative ist die Vermittlung von 20.000 Flüchtlingen in Arbeit. Wie weit seid ihr davon noch entfernt?

In unserer Pilot-Gemeinde haben wir bereits Job-Coaches ausgebildet, die auch sehr erfolgreich agiert haben. Bis Ende 2018 wollen wir deutschlandweit 1000 Job-Coaches auszubilden. Nach unseren Schätzungen kann ein Job-Coach etwa sieben Geflüchtete in Arbeit bringen. Es liegt also noch jede Menge Arbeit vor uns, um das Ziel zu erreichen.

Nun hat nicht jeder Flüchtling einen Paten an seiner Seite. Ist es aus Deiner Erfahrung überhaupt denkbar, dass Flüchtlinge ohne persönliche Betreuung erfolgreich einen Job finden?

Möglich ist es schon, auch mit den behördlichen Strukturen. Aber es dauert eben länger. Hier ist das Ehrenamt ein ganz wichtiger Katalysator und Beschleuniger.

Was ist Dein Tipp für unsere Türöffner-Paten?

Da fallen mir gleich mehrere Tipps ein. Ganz wichtig ist es nach dem Konzept „Hilfe zur Selbsthilfe“ vorzugehen und dem Flüchtling nicht nur Aufgaben abzunehmen, sondern so zu unterstütze, dass er oder sie selbst beispielsweise eine Bewerbungsmappe ausfüllen kann. Wichtig ist es auch die eigenen Erfahrungen bei der Jobvermittlung gewinnbringend in die Betreuung des Flüchtlings einzubringen. Und ganz wichtig: Verspreche niemals, was du nicht halten kannst. Denn nichts ist hinderlicher für die Arbeitsmarktintegration als Frustration, die sich breit macht, wenn leichtfertig gegebene Versprechen nicht eingelöst werden können.

Zur Person:
Joscha Riemann ist 28 Jahre alt,  kommt aus Würzburg und hat dort seinen Master in Business-Management gemacht. Seit 2015 ist er im Team von integrAI.de für Projektmanagement und Marketing zuständig.








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