„Flüchtlinge mit Paten haben immer einen Vorsprung”

Im Interview erklärt die Integrationslotsin Sandra Megahed, warum Wohnsitzauflage und Bürokratie die Jobvermittlung schwer machen – und welche Vorteile Flüchtlinge haben, die von Paten betreut werden.


Integrationslotsin Sandra Megahed (Foto: M. Herceg)
Integrationslotsin Sandra Megahed (Foto: M. Herceg)
04. November 2016
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Als Integrationslotsin vermitteln Sie hauptberuflich Geflüchtete in Arbeit. Warum können Unternehmen, die neue Arbeitnehmer suchen, das nicht einfach selbst machen?

Sowohl Koordination als auch Vernetzung sind wichtig und mitunter heikel bei der Rekrutierung von Geflüchteten für den Arbeitsmarkt. Und eben diese Vernetzung mit anderen Vermittlern, mit Verbänden, Ehrenamtlichen und Experten können die wenigsten Arbeitgeber selbst leisten. Daher wenden sich Firmen an mich, wenn sie vorhaben, einem Geflüchteten eine Stelle anzubieten. Ich überprüfe dann die rechtlichen Voraussetzungen, das Berufsbild und mache mich auf die Suche nach einer geeigneten Person in der Region. Hier kommen mir meine Kontakte zu Helferkreisen, Flüchtlingskoordinatoren und Beratern sehr zu Gute. Aber natürlich stehe ich auch in engem Austausch mit Arbeitsagenturen, Schulen und Jobcentern.

Also sind Sie hauptsächlich eine Netzwerkerin?

Ja auch. Meine Hauptaufgabe sehe ich darin, den Unternehmen erste Orientierung sowie  eine Einschätzung zu geben und sie dann mit einem möglichst geeigneten Flüchtling zu vernetzen. Das kann in festen behördlichen Strukturen so passgenau nur schwer geleistet werden.

Was sind für Unternehmen die größten Hindernisse, wenn es um die Einstellung eines Flüchtlings geht?

Das ist natürlich von Fall zu Fall verschieden. Letztendlich sind die Sprachkenntnisse ausschlaggebend. Es ist auch für mich schwer jemanden in ein Praktikum zu vermitteln, wenn keine Chance auf Verständigung besteht. Selbst im niederschwelligsten Bereich ist zumindest eine rudimentäre Kommunikation nötig. Und dann sind da noch die verschiedenen Vorstellungen. Unternehmer wollen möglichst eine Arbeitskraft, die sich ausbilden lässt und lange bleibt. Der Flüchtling kann jedoch sein Asylverfahren nicht beeinflussen, benötigt aber dringend Geld. Auch die 3+2-Reglung (Anm. d. Redaktion: Flüchtlinge in Ausbildung erhalten mit der 3+2-Regelung unabhängig vom Aufenthaltsstatus die Garantie fünf Jahre im Betrieb zu arbeiten) ist vielen Arbeitgebern noch nicht sicher genug. Gerade kleinere Unternehmen, die unter immensem Fachkräftemangel stehen, tun sich mit dem Schritt schwer, Flüchtlinge einzustellen oder in Ausbildung zu nehmen.


Ist es denn überhaupt machbar für einen Flüchtling,  ganz ohne Hilfe in Deutschland eine Ausbildung anzufangen?

Ohne Hilfe sehe ich derzeit keine Chance. Es mag sein, dass der ein oder andere so extrem fleißig und intelligent ist, dass er es schafft, doch die große Mehrheit ist auf intensive Hilfe angewiesen. Hier müssen sowohl die Arbeitgeber als auch die Flüchtlinge ihre Erwartungen nach unten schrauben. Gerade wenn es um die Berufsschule geht, muss immer weiter kräftig unterstützt werden. Ohne Förderinstrumente wie ausbildungsbegleitende Hilfen wäre es für keinen Flüchtling machbar.

Wie läuft eine Jobvermittlung bei Ihnen denn konkret ab? Ruft da einfach eine Firma an und sagt: „Ich will einen Flüchtling haben“?

In etwa. Firmen melden sich bei mir meist, wenn sie vorhaben Stellen oder Lehrstellen mit Geflüchteten zu besetzen. Neben einer festen Kartei an potentiellen Kandidaten kann ich für die Vermittlung auch auf Kooperationspartner zurückgreifen. Außerdem stehe ich in engem Kontakt zu ehrenamtlichen und hauptamtlichen Betreuerinnen und Betreuern.

Wenn Sie einen Wunsch frei hätten, der Ihre Arbeit auf einen Schlag erleichtern würde, wie würde dieser lauten?

Ganz konkret behindert die Wohnsitzauflage, die in vielen Bundesländern gilt, die Vermittlung extrem. Ich würde mir wünschen, dass Flüchtlinge, die es tatsächlich geschafft haben, einen Job zu finden, auch frei ihren Wohnort wählen könnten. Das würde meine Arbeit deutlich erleichtern und vielmehr Flüchtlinge könnten in Beschäftigung gebracht werden. Außerdem würde es die Flüchtlinge motivieren beim Sprachelernen, bei der Jobqualifikation und Bewerbung.


Welchen Tipp haben Sie für Tandems aus Geflüchteten und Ehrenamtlichen, die sich gemeinsam auf Jobsuche befinden?

Die Praxis zeigt, dass es nicht unbedingt sinnvoll ist, sich ohne Hilfe von außen auf den Weg zu machen. Auch Tandems sollten die vorhanden Strukturen, beispielsweise die Beratung durch Jobcenter oder Arbeitsagentur, nutzen. Dort kann es durchaus eine Reihe von guten Maßnahmen geben, um die geflohenen Menschen für die deutsche Jobwelt fit zu machen.


Ein wichtiger Faktor bei der Jobsuche sind vorhandene Netzwerke. In wie weit kann das „Vitamin B“ eines Jobpaten oder Ehrenamtlichen helfen bei der Arbeitsmarktintegration?

Beziehungen spielen für die Integration eine sehr große Rolle. Nachhaltig ist sie nur über persönliche Kontakte möglich. Dennoch sind die offiziellen Strukturen erst einmal die Grundlage. Um dennoch auch die vielen ungeschriebenen Gesetze der Arbeitswelt zu verstehen, braucht es den Kontakt und das Ehrenamt. Meine Erfahrung zeigt, dass Flüchtlinge, die einen persönlichen Ansprechpartner an ihrer Seite haben, immer einen Vorsprung haben,  sei es bei der Jobsuche, beim Sprachelernen oder im sozialen Bereich.

 

 

Zur Person:
Sandra Megahed berätfür die BBQ Berufliche Bildung gGmbH Firmen in Südbaden bei Arbeitsmarktintegration von Flüchtlinge.

Autor: Martin Herceg   Foto/Video: Martin Herceg








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